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Eine neue Netflix-Serie will Antworten liefern. Wir haben mit der Macherin gesprochen.

Eigentlich war alles wie immer. Am 1. Juli 2018 verließ Gurcharan Singh sein Haus im nordöstlichen Stadtteil Burari der Metropole Delhi, um seinen üblichen Morgenspaziergang anzutreten. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass sich dieser Tag nicht nur für immer in sein, sondern auch in das kollektive Gedächtnis von ganz Indien brennen sollte.

Singhs Nachbar, der normalerweise immer mit ihm spazieren ging, war nirgendwo anzutreffen. Auch im nahegelegenen Laden des Nachbarn waren ganz untypisch noch die Rollläden heruntergelassen. Singh kam das sehr verdächtig vor. 

Also ging Singh zu seinen Nachbarn, um nach dem Rechten zu sehen. Überrascht stellte er fest, dass die Eingangstür offen stand. Als er eintrat, bot sich ihm ein grausamer Anblick. Zehn Familienmitglieder hingen am Strick von der Decke, ihre Augen verbunden, die Münder geknebelt und die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden. Das elfte Familienmitglied, die älteste Frau im Haushalt, lag erwürgt in einer Ecke.

Genauso wie der Rest des Landes war auch Leena Yadav, eine gefeierte Filmemacherin aus Mumbai, schockiert, als sie die Schlagzeilen über die Tragödie las: „Das hat mir schwer zugesetzt“, sagt sie gegenüber VICE. „Aber irgendwie war das Ganze auch komisch. Die Medien spekulierten wild, aber niemand hatte richtige Antworten.“ 

Also machte sich Yadav selbst auf die Suche nach Antworten. Das Ergebnis ist die dreiteilige Netflix-Crime-Doku Haus der Geheimnisse: Die Toten von Burari, die vor Kurzem online gegangen ist und vor allem in Indien, Pakistan und Südasien für Aufsehen sorgt

Yadav weiß noch, wie der Schock in Indien schnell wieder abklang, da sich die Nachrichten bald wieder neuen Themen zuwandten: „Man vergisst dann leicht, genauer nachzuforschen“, sagt die Filmemacherin. „Aber dieser Fall war außergewöhnlich. Selbst die Polizei hatte mit so etwas noch nie zu tun gehabt.“

Also blieb Yadav an der Story dran und stellte sich damit 2018 bei Netflix vor. Der Streaming-Riese war erst zwei Jahre zuvor in Indien gestartet und habe dementsprechend begeistert darauf reagiert, dass sich die Filmemacherin eingehend mit einem lokalen Thema auseinandersetzen wollte. Sie habe den Verantwortlichen dort gesagt, dass das ihre erste Dokumentation sein würde, sagt Yadav. „In diesem Fall war ein normaler Film aber nicht drin, also ging ich das Projekt quasi als Anfängerin an.“

DAS IST LEENA YADAV | FOTO: PRIVAT

Yadav sagt, sie habe sich bewusst dazu entschieden, keine weiteren Nachforschungen anzustellen, bevor die Dreharbeiten begannen. Ihr Ziel sei es gewesen, die verschiedenen Ebenen der Geschichte erst im Verlauf der Interviews freizulegen. Insgesamt wurden 400 Stunden Interviewmaterial mit involvierten Personen aufgezeichnet – mit Nachbarn und Freunden der Familie, mit Polizisten, Journalistinnen und Psychologen. Diese Gespräche seien „emotional auslaugend“ für die Crew gewesen, sagt Yadav.

„Zwar war der Fall wochenlang auf den Titelseiten, aber in keinem Artikel wurde das Ganze wirklich analysiert“, sagt die Filmemacherin. „Meine Herangehensweise war dann, nicht danach zu fragen, wer die Tat begangen hat, sondern warum sie begangen wurde.“

Als die Produktion der Doku voranschritt, konnte Yadav die Puzzlestücke des mysteriösen Falls immer besser zusammensetzen. War es wirklich Suizid, verursacht durch eine gemeinsame psychotische Störung, oder doch Mord? Sie sei sich sicher gewesen, dass es bei dem Fall zwar wahrscheinlich nie eine eindeutige Antwort geben würde, die Polizei mit ihren Ermittlungen aber nur an der Oberfläche kratzte.  

Die Polizei behandelte die Tragödie offiziell als einen Fall einer gemeinsamen psychotischen Störung – also einer psychischen Krankheit, bei der es zu einer geteilten Wahnvorstellung zwischen zwei oder mehreren eng zueinander stehenden Personen kommt. Hier waren es aber nicht nur zwei oder drei Menschen, sondern elf Familienmitglieder aus drei Generationen – Kinder, Frauen und Männer im Alter zwischen zwölf und 80. Jeder, der sie kannte, sprach von ihnen als hochfunktionale, soziale Menschen, denen es augenscheinlich gut ging. Niemandem sei irgendetwas Komisches aufgefallen.

„Das war keine seltsame Familie, die irgendwo abgeschieden in Isolation lebte“, sagt Yadav. „Die Dokumentation soll zeigen, wie einfach es für uns alle ist, einen solchen Fall anzuschauen und so zu tun, als ob so etwas in unseren Familien niemals vorkommen würde. Dieser Fall ist allerdings wie eine Explosionszeichnung der Geheimnisse, die wir alle haben, der Wahrheiten, die wir lieber verstecken, und der Traumata, die wir ignorieren.“

Yadavs größte Herausforderung war es deshalb, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen. Denn wie sie sagt, wollten alle ihre Gesprächspartnerinnen und -partner anfangs wohl die unbequemen Teile der Geschichte unter den Teppich kehren: „Alle wiederholten immer wieder, was für gute Menschen die Familienmitglieder gewesen seien.“ Für die Filmemacherin war das ein eindeutiges Warnzeichen.

„Wie kann es sein, dass alle nur Gutes über die Familie zu sagen haben? Waren das keine Menschen, die auch mal Fehler gemacht haben? Erst später fand ich heraus, dass das alles Teil einer Fassade war, die viele von uns aufbauen. Geheimnisse sollen Geheimnisse bleiben. Uns wird schon von klein auf gesagt, dass wir unsere dreckige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit waschen sollen“, sagt Yadav. 

Die Polizei machte bei ihren Ermittlungen einen großen Durchbruch, als sie im Haus der Familie Tagebücher fand. Diese umfassten eine Zeitspanne von elf Jahren und waren in der dritten Person geschrieben. Die Aufzeichnungen enthielten detaillierte Vorgaben, wie die einzelnen Familienmitglieder leben und in was sie ihr Geld investieren sollten. Außerdem stießen die Beamten darin auf eine genaue Anleitung für eine „Massenerlösung“ – inklusive einer detaillierten Beschreibung der Suizidmethode.

„Als der Fall durch die Nachrichten ging, wollte ich nicht glauben, dass zwölf- und dreizenjährige Kinder freiwillig bei so etwas mitmachen“, sagt Yadav. „Aber das Ganze ging ja mindestens schon elf Jahre so, es war also quasi von Anfang an Teil ihres Lebens. Sie kannten nichts anderes als diese wahnhafte Welt, sie empfanden das als normal.“

Der letzte Tagebucheintrag beschreibt das „Banyanbaum-Ritual“. Demnach wollten sich die Familienmitglieder so erhängen, dass die Anordnung ihrer Körper anschließend wie die herabhängenden Wurzeln des Banyanbaums aussieht. Ihre Annahme: Ihr bereits verstorbener Familienpatriarch würde sie vor dem Tod bewahren.

Die Ermittlungen der Polizei stützten sich vor allem auf die Tagebücher und ergaben, dass der Hauptauslöser für die Wahnvorstellungen ein relativ junges Familienmitglied gewesen war, bei dem mehrere Traumata nie behandelt worden waren. „Wir wissen, dass es ein Familienmitglied mit einer gewissen Vorgeschichte gab. Aber für mich war dieses Familienmitglied nur der Auslöser, damit kann nicht alles erklärt werden. Vielleicht hatten die anderen zehn Familienmitglieder ebenfalls eine Vorgeschichte? Wir kennen noch lange nicht alle Antworten“, sagt Yadav. 

Die Filmemacherin sagt, sie hoffe, dass die Dokumentation Familien dazu anregt, sich zusammenzusetzen und über ihre Traumata zu sprechen. Dann habe die Serie ihr Ziel erreicht, auch wenn am Anfang erst mal alles vor allem bizarr und unheimlich wirkt.

„Als wir die Doku drehten, hatten wir auch alle erstmal Angst. Jedes einzelne Teammitglied – auch ich – bekam irgendwann während der Produktion Albträume. Das war ein emotionaler Kraftakt“, sagt Yadav. „Die Reaktion des Publikums spiegelt tatsächlich das wieder, was wir durchlebt haben. Ich glaube, dass es in der Dokumentation nicht ausschließlich um den Fall der Familie geht. Es geht darin auch um uns.“


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