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Dass Deutschland nichts weiter ist, als eine US-Kolonie, ist für viele eine provokante These. Aber wenn man sich anschaut, wer in Deutschland die Deutungshoheit über Wahrheit und Unwahrheit hat, dann wird es schwer, der These zu widersprechen.

Man stelle sich einmal vor, chinesische Firmen würden in Deutschland bestimmen, was wahr ist und was unwahr und würden das auch deutlich sichtbar kennzeichnen. Das ist unvorstellbar? Grotesk? Deutschland würde sich so etwas unter keinen Umständen bieten lassen und alle nur erdenklichen Maßnahmen dagegen ergreifen? Vom Thomas Röper

Ja, das stimmt. Aber US-Firmen tun genau das und niemand in der deutschen Regierung oder den deutschen „Qualitätsmedien“ tut etwas dagegen oder bringt es auch nur zur Sprache.

Besonders deutlich wird uns das jeden Tag vor Augen geführt, wenn es um die sozialen Medien geht, die in der öffentlichen Meinungsbildung inzwischen eine so wichtige Rolle spielen. Facebook, Twitter, Google, Youtube und so weiter legen mit ihren Algorithmen fest, was die User zu sehen bekommen und löschen alles, was ihnen nicht gefällt.

Das ist Zensur, die es in Deutschland doch angeblich nicht gibt. Aber es ist vor allem der erfolgreiche Versuch, den Deutschen das als Wahrheit zu verkaufen, was die, die in den USA den Ton angeben, als einzige Wahrheit verbreiten wollen.

Aktuell sperrt YouTube einen deutschen Kanal der freien Medien nach dem anderen. Die Begründung ist immer die gleiche: Angeblich haben diese Kanäle die Corona-Maßnahmen in Frage gestellt. Abgesehen davon, dass das in einem Land, in dem angeblich Meinungs- und Pressefreiheit herrschen, möglich sein müsste, ist die Begründung aber nur vorgeschoben und sogar teilweise unwahr.

Das kann ich aus erster Hand bezeugen, denn als der YouTube-Kanal von NuoViso seinen zweiten Strike erhalten hat, da war der von YouTube genannte Grund, dass Robert Stein und ich in der letzten Tacheles-Sendung die Corona-Maßnahmen in Frage gestellt haben sollen. Das Problem dabei: Wir haben in der ganzen Sendung gar nicht über die Corona-Maßnahmen gesprochen (Die letzten Tage der BRD: Ein Ausblick).

Dieser Einwand klingt einleuchtend, er ist aber falsch. Um das aufzuzeigen, machen wir an dieser Stelle einen kleinen Exkurs in die Juristerei.

Der Grund ist, dass die sozialen Medien per juristischer Definition Medien sind. Und Medien müssen für die von ihnen verbreiteten Inhalte haften. Das aber haben die sozialen Medien abgelehnt, weil sie ja selbst keine Artikel schreiben oder Filme machen, sondern weil sie sich als „Marktplätze der Meinungen“ sehen und bei ihnen die User die Inhalten posten. Das Argument ist gut und daher müssen die sozialen Medien nicht für die Inhalte haften.

Wenn die sozialen Medien aber nach eigenem Gusto entscheiden, welche geposteten Inhalte ihre Algorithmen den anderen Usern zeigen und welche nicht, oder wenn sie gar Inhalte und Accounts nach eigenem Gusto löschen, dann greifen sie in den „Marktplatz der Meinungen“ ein und üben eine redaktionelle Tätigkeit aus, für die sie dann auch haften müssten.

Darum geht es übrigens in Wahrheit in dem Streit zwischen Trump und Twitter, denn Trump will genau das: Dass die sozialen Medien für ihre Eingriffe und deren Folgen zur Verantwortung gezogen werden können.

Die sozialen Medien müssten sich also entscheiden: Entweder sind sie „Marktplatz der Meinungen“ und greifen nicht ein, oder sie sind Medien und tragen Verantwortung für das, was sie tun, wenn sie mit Sperrungen, Löschungen und Begrenzungen der Reichweite eingreifen. Aber sie wollen beides: Mit ihren Instrumenten die öffentliche Meinung lenken, dafür aber bitte nicht verantwortlich gemacht werden.

Was in Deutschland wahr ist, wird in den USA entschieden

Die öffentliche Meinung zu lenken, ist ein komplizierter Prozess. Damit es nicht so auffällt, dass die Internetkonzerne das tun, greifen sie auf verschiedene Instrumente zurück. Bei Facebook sind normalerweise sogenannte „unabhängige Faktenchecker“ am Werk. Aber es ist überflüssig zu betonen, dass diese Faktenchecker aus dem medialen Mainstream kommen. So dürfen Nachrichtenagenturen wie die dpa bei Facebook als Faktenchecker tätig sein.

Das ist hochgradig praktisch, wenn man weiß, wie die Medien funktionieren.

Das geht so: Die Nachrichtenagentur dpa bringt eine Meldung, die dann von allen Medien in Deutschland aufgegriffen wird. Wenn dann jemand wie ich die Meldung zum Beispiel im Spiegel findet und feststellt, dass die Meldung unwahr ist und darüber schreibt, dann kann die dpa – von der die Meldung ursprünglich gekommen ist – im Faktencheck bei Facebook erklären, dass ich Unrecht habe. Die dpa stellt sich selbst einen Persilschein aus und das nennt man dann „unabhängigen Faktencheck.“ Alles klar?

Die dpa vertritt US-treue und transatlantische Standpunkte, weshalb Facebook sie als Faktenchecker zugelassen hat. Auf diese Weise wird den Deutschen vorgegaukelt, Facebook halte sich aus dem „Faktenchecken“ in Deutschland raus, das macht ja für Deutschland zum Beispiel die deutsche dpa und kein US-Konzern. Stimmt, aber die dpa darf nur solange Faktenchecker spielen, wie ihre „Fakten“ mit dem übereinstimmen, was man bei Facebook sehen möchte.

Was hat Deutschland mit der US-Wahl zu tun?

Man kann es ja noch verstehen, wenn in den USA Sorgen herrschen, die Integrität der Wahlen könnte untergraben werden und wenn deshalb Medien und Internetkonzerne dagegen vorgehen. Man kann es zumindest theoretisch verstehen, denn in der Praxis stößt man sofort wieder an die Frage, wer denn festlegt, was wahr und was unwahr ist.

Was aber gänzlich unklar ist, ist die Frage, warum das auch für Deutschland bindend sein soll. Man stelle sich einmal vor, russische Firmen oder Think Tanks würden versuchen, in Deutschland ihre Sicht auf russische Wahlen durchzudrücken und jeden angreifen, der ihrer Meinung nach in Deutschland unwahre Informationen über die letzten russischen Wahlen verbreitet. Das wäre doch völlig undenkbar!

Ganz anders, wenn es um die USA geht. Da reicht der lange Arm der US-Macht bis in die deutsche Medienlandschaft. Gestern habe ich über die Mail berichtet, die ich von NewsGuard bekommen habe. Diese US-Firma maßt sich an, in Deutschland zu bewerten, welche Medien seriös sind und welche nicht (man stelle sich vor, das würde eine chinesische Firma in Deutschland tun).

Damit aber nicht genug: In der Mail hat NewsGuard mir mitgeteilt, sie würden derzeit analysieren, welche Webseiten Falschinformationen über die US-Wahlen verbreitet haben und wollten von mir eine Stellungnahme zu einem meiner Artikel, die Details finden Sie hier.

Ich frage mich unvermittelt: Was zur Hölle geht es eine US-Firma an, wer in Deutschland was über die US-Wahl berichtet? Wieso maßen sich die USA an, zu kontrollieren, was deutsche Medien berichten?

Und ja, NewsGuard sind de facto die USA, denn in deren Leitung sitzen reihenweise ehemalige Angehörige der US-Regierung und der US-Geheimdienste.

Nochmal: Stellen Sie sich vor, eine vom russischen Geheimdienst durchsetzte Firma würde das in Deutschland tun und dann würden Sie im Browser sofort einen Warnhinweis sehen, wenn die Russen eine Seite, die Sie aufgerufen haben, als unseriös ansehen. Völlig abwegig, aber so arbeitet NewsGuard in Deutschland. Und niemanden stört es, im Gegenteil die Leute von NewsGuard werden von den deutschen Medien als Experten interviewt.

Ob der Deutschlandfunk wohl auch einen solchen Wahrheitswächter mit engsten Verbindungen zum chinesischen Geheimdienst als Experten für Medienkompetenz zum Interview einladen würde?

Die US-Kolonie Deutschland

Der Vergleich zeigt es deutlich: Wenn russische oder chinesische Firmen oder Think Tanks sich in Deutschland so aufführen würden, wie es die Kollegen aus den USA tun, wäre das Entsetzen groß. Die USA aber tun es und beeinflussen so über ganz viele unterschiedliche Kanäle die öffentliche Meinung in Deutschland.

Das wäre sogar noch in Ordnung, wenn es auf Gegenseitigkeit beruhen würde, wenn also deutsche Firmen und Think Tanks das gleiche in gleicher Intensität auch in den USA tun würden. Aber das geschieht nicht. Und daran sieht man das Machtgefälle zwischen Kolonialherr und Kolonie.

Weitere Beispiele: Es sind nicht 30.000 deutsche Soldaten in den USA stationiert und betreiben dort einen Luftwaffenstützpunkt, zu dem die amerikanische Polizei keinen Zutritt hat. Die USA haben aber mehrere solche Stützpunkte in Deutschland.

Und die deutsche Botschaft in Washington hat keine riesige Antennenanlage auf dem Dach, um alles abzuhören, was in Washington im Äther los ist, aber die US-Botschaft in Berlin hat so eine nette Deko auf ihr Dach gestellt und hört alles ab, was in Berliner Funknetzen los ist.

Die Liste ließe sich fortsetzen und im Grunde erzähle ich ja nichts Neues.

Aber die Tatsache, dass die US-Firma NewsGuard nun sogar schon die deutsche Berichterstattung über US-Wahlen bewertet, um den Deutschen dann mitzuteilen, wer darüber – angeblich – Falschmeldungen verbreitet hat, hat mir ein weiteres Mal vor Augen geführt, dass Deutschland sich in nichts vom Indien des 19. Jahrhunderts unterscheidet.

So wie Indien damals eine Kolonie Großbritanniens war und die indische Regierung von Londons Gnaden damals willfährig den britischen Willen umgesetzt hat, so verhält sich Deutschland heute gegenüber den USA.

Das tut weh, denn wer will schon gern in einer Kolonie leben? Aber dass es weh tut ändert nichts an den offen zu Tage liegenden Fakten.

Wenn Sie sich für mehr Beispiele für freche Verfälschungen der Wahrheit in den „Qualitätsmedien“ interessieren, sollten Sie Beschreibung meines neuen Buches lesen. Das Buch ist eine Sammlung der dreistesten „Ausrutscher“ der „Qualitätsmedien“ im Jahre 2019 und zeigt in komprimierter Form, wie und mit welchen Mitteln die Medien die Öffentlichkeit in Deutschland beeinflussen wollen. Von „Berichterstattung“ kann man da nur schwer sprechen. Über den Link kommen Sie zur Buchbeschreibung.

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Quelle :https://www.pravda-tv.com/2020/11/die-amerikanische-kolonie-us-firmen-entscheiden-in-deutschland-was-die-wahrheit-ist/


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